– vom Neokolonialismus einiger Sportfischer

Hier in Carriçal gibt es noch Fisch. Das hat sich auch bei Sportfischern herumgesprochen, von denen in letzter Zeit einige hier auftauchen, um ihrer Leidenschaft zu frönen. Bei deren Verhalten können einem schon mal die Haare zu Berge stehen. Warum, das will ich mir hier von der Seele schreiben.

Da sind beispielsweise diese beiden Deutschen und ein Italiener, die sich bei einem Einheimischen eingemietet haben. Der hat seine privaten Zimmer zur Verfügung gestellt, die drei essen auch bei ihm. Preise? Sind vorab nicht abgesprochen. Man will als ‚Paket‘ zahlen, nach Ende des Aufenthaltes. Merkwürdig, nicht wahr? Zu wessen Vorteil das wohl gereichen mag? Der Einheimische lässt sich auf diese Reglung ein, weil er keine Erfahrung hat, weil er Preise nicht einschätzen kann, weil er auf jeden Cent angewiesen ist und weil er hofft, einen guten Schnitt zu machen.

Doch weiter im Text. Die drei Sportangler suchen einen Fischer, der mit ihnen tags aufs Meer fährt. Das bedeutet in diesem Fall: Gemietet werden zwei Fischer (falls der Motor streikt, muss gerudert werden, und das würden die weißen Hände nicht durchhalten), das Boot, der Motor einschließlich des Benzins.

Ausgemacht sind 56 Euro am Tag – für alles. Nur hat der Fischer geglaubt, es würde sich um täglich 5 oder 6 Stunden handeln. Dass die drei 10 bis 11 Stunden auf dem Meer sein wollen, hat er sich nicht vorstellen können, und dass er dafür mehr Geld will, traut er sich nicht zu sagen, weil die drei ja dann zu einem andern Fischer gehen könnten, der es noch nötiger hat.

Schwer mit anzusehen. Also gehe ich zu den drei und versuche ihnen klarzumachen, dass sie zu wenig bezahlen. Das sehen die Herren aber ganz anders. Hier deren Argumente:

1) Der Fischer hat sein Boot und den Motor ja sowieso, also ist jeder Euro, der gezahlt wird, für ihn zusätzliches Geld. Der Fischer profitiert also in jedem Fall von ihnen.

2) Man darf nicht zu viel bezahlen, man muss ortsübliche Preise zahlen.

2) Der Fisch, der gefangen wird, geht zum größten Teil an den Fischer. Das sehen sie als einen Akt besonderer Großzügigkeit an, weil sie den Fisch ja auch behalten oder verschenken könnten. In Tarrafal auf Santo Antao hätten sie sogar den Fang gegen den Bootspreis verrechnet.

Herrje, da kann einem Übel werden. Schauen wir uns die drei Argumente genauer an.

1) Man stelle sich vor: Die drei gehen in Europa zu einer Autovermietung und bieten den halben Preis mit dem Argument, die Firma hätte die Autos ja sowieso und jeder Euro mehr wäre ein Gewinn. Sie würden ausgelacht, und zwar aus dem einfachen Grund, weil ein Autovermieter es nicht nötig hat, sich auf derart schräge Geschäfte einzulassen. Der Fischer aber fühlt sich dazu gezwungen, zumindest wenn er arm ist, wie fast alle Fischer hier auf den Kapverden.

Welcher Maßstab wird hier von den Sportanglern zur Bewertung eines Geschäftes angelegt? Es ist der Maßstab der Armut. Nicht die Leistung der Fischer soll bezahlt werden, sondern ihr Angewiesensein auf jeden Euro soll ausgenutzt werden. Das als fair zu bezeichnen, ist mehr als zynisch. Es ist ausbeuterisch. Was wäre fair? Ein Entgelt, von dem der Fischer leben kann. Leben meint: Das Essen bezahlen, den Strom bezahlen, die Schule der Kinder, den Arzt, etwas Geld für ein neues Boot zurückzulegen, das in zig Jahren fällig wird, für Reparaturen des Motors etc. und weitere Selbstverständlichkeiten. Das alles gestehen die Sportangler dem Fischer nicht zu, denn ihr gebotener Preis enthält es nicht.

2) Kommen wir zur ortsüblichen Bezahlung. Gibt es die? Keinesfalls, denn die Sportangler haben sich nicht an die zwei oder drei Fischer gewendet, die hier etwas besser klarkommen, sondern haben nach dem besten Preis gefragt, und den ist in der Regel der ärmste Fischer bereit zu fordern. Das zeigt sich, als der Fischer nach einer Woche weigert, zu diesem Preis weiter 10 Stunden aufs Meer zu fahren. Statt einen angemessenen Preis zu zahlen, suchen die weißen Herren einen anderen Fischer der bereit ist, seine Ressourcen für Pfennige zur Verfügung zu stellen.

Durch ihr Verhalten ermöglichen die Sportangler dem Fischer den Sack Reis und den Sack Kartoffeln, den er braucht, sie tragen zu seinem Überleben bei, aber nicht zu einem angemessenen Leben. Insofern ist ihr gebotener Preis ein Beitrag zur Aufrechterhaltung der Armut, die es ihnen ermöglicht, ihrem Jagdhobby auf billige Wiese zu frönen. Soviel zum Begriff der ortsüblichen Bezahlung.

3) Kommen wir zum letzten Argument: Der Fisch, der gefangen wird, geht an den Fischer. Dieses Argument ist nicht nur schräg, sondern auch kriminell. Erstens ist es schräg, weil man nicht weiß, ob an dem Tag etwas gefangen wird und wieviel. Das Risiko trägt also der Fischer. Zweitens ist es Sportfischern und erst recht Ausländern verboten, Fisch zu verkaufen. Wer aber den von ihm gefangenen Fisch gegen eine Leistung rechnet, verkauft ihn de facto. Er verkauft zudem eine Ware, die ihm nicht gehört.

Stelle man sich vor, jemand fährt nach Australien, gräbt in der Wüste Opale aus oder Gold, und verkauft das dann. Er fände sich sehr schnell im Gefängnis wieder. Die Sportfischer aber graben das Gold der Kapverden aus, den Fisch, und glauben, er gehöre ihnen. Dabei ignorieren sie jede Fangmengenbegrenzung, denn die Fischpolizei ist 45 Kilometer weit weg. Sie zerren aus der Tiefe was möglich ist, gierig auf den größten Fisch. Dabei verlieren sie am Tag künstliche Köder im Wert von 60 bis 100 Euro – was kein Problem darstellt, aber dem Fischer 20 Euro mehr zu zahlen, das sehen sie als Problem an.

Und ja – wenn viel Fisch gefangen wird, macht der Fischer ein gutes Geschäft. Dann hat er 50 oder 80 Euro mehr an diesem Tag. Die braucht er aber auch, denn er kann im Schnitt nur jeden dritten Tag seiner Arbeit nachgehen, mehr lässt der Wind und das Meer für so ein kleines Boot nicht zu.

Fazit: Die weißen Herren tun, was sie tun, mit einer Selbstverständlichkeit und Selbstgefälligkeit, die an die Tradition der Kolonialisten anknüpft. Ihr Verhalten weißt sie als Neokolonialisten aus. Nicht mit der Peitsche, sondern mit dem Geldbeutel, nicht herrisch, sondern freundlich.

Verschone uns Gott von solchen Besessenen, die zu nichts anderem kommen, als möglichst viele und große Fische an Land zu zerren. Gebraucht werden solche, die sich einfühlen können.